Der Atem der Welt – ein intensiver Abenteuerroman

Foto: Suhrkamp

Vor einigen Wochen hat mir mein bester Freund den Roman Der Atem der Welt von Carol Birch empfohlen. Das sei genau mein Ding, hat er zu mir gesagt, weil er weiß, dass ich auf klassische Abenteuerromane stehe.

Und ich wurde nicht enttäuscht. Tatsächlich war es eines der intensivsten Abenteuerromane, die ich je gelesen habe.

Worum geht es in diesem Buch?

Es geht um die Lebensgeschichte von Jaffy Brown, der im viktorianischen London aufwächst, also zu einer Zeit, als die Welt noch geheimnisvoll war und es noch was zum Entdecken gab. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive von Jaffy selbst, was die Ereignisse dem Leser noch näher bringt. Ich jedenfalls lese gerne Romane aus der Ich-Perspektive. Jaffy wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, doch als er acht Jahre als ist, hat er eine Begegnung, die sein ganzes Leben verändert – der Zusammenstoß mit einem bengalischen Tiger. Jaffy beginnt seine Geschichte mit folgenden Worten:

Ich wurde zweimal geboren. Das erste Mal in einem Zimmer aus Holz, das über das schwarze Wasser der Themse ragte; das zweite Mal acht Jahre später auf dem Ratcliffe Highway, als der Tiger mich in sein Maul nahm und eigentlich alles erst richtig begann.«

Der Atem der Welt, Klappentext

Jener ausgebrochene Tiger gehörte zur exotischen Sammlung des Tierhändlers Charles Jamrach. Nachdem Jamrach den Jungen aus den Fängen des Tigers gerettet hat, nimmt er ihn unter seine Fittiche und gibt ihm eine Anstellung in seiner Tierhandlung, die exotische Tiere an Zoos und private Sammler verkauft (mein Traumjob!). Dort lernt Jaffy Tim Linver und seine Schwester Ishbel kennen und freundet sich mit ihnen an.

Einige Jahre später heuern Jaffy und Tim auf einem Walfänger an, mit dem gleichzeitig Jamrachs Tierfänger Dan Rymer unterwegs ist, um einen Drachen zu fangen (einen Kommodo-Waran, wie sich herausstellt). Diese Fahrt wird zum Abenteuer ihres Lebens und stellt ihre Freundschaft auf eine harte Probe.

Der größte Teil des Buches ist der Seereise von Jaffy gewidmet und die Autorin versteht es meisterhaft die Freuden und Leiden dieser Epoche in Worten zu vermitteln. Exemplarisch dafür möchte ich einen kurzen Absatz zitieren. Der Kontext: Die Crew hat es tatsächlich geschafft einen Drachen, einen Kommodo-Waran einzufangen und in einen Käfig an Deck ihres Schiffes zu sperren. Zunächst verweigert das Tier jede Nahrungsaufnahme und Jaffy macht sich sorgen, dass das Tier die Reise nicht überleben wird. Doch dann:

Zehn Minuten nachdem ich das Schwein ins Gehege gesetzt hatte, sah ich diesmal, wie er aufmerksam aus einem Auge beobachtete, während es zum Trog lief und im Grünzeug herumstöberte. Das arme Schwein hatte keine Chance. Etwas so Schnelles hatte ich in meiner ganzen Zeit bei Jamrach nicht erlebt. Die Art, wie das Wesen erst reglos wie ein Stein dalag, dann plötzlich – etwa zwei Meter entfernt, fast so weit, wie sein Seil reichte – schnapp! Das Schwein im Maul. Es war ein furchtbarer Anblick. Der Schrei – reinstes helles Entsetzen – rief alle herbei. Der Drache hatte es beim Nacken gepackt. Nahm den ganzen Kopf mitsamt Hals und den Schultern bis zu den strampelnden Vorderbeinen seitlich ins schlangenhafte, unglaublich weit aufgerissene Maul und schleuderte das Tier hin und her und knallte es gleichzeitig auf den Boden. In den Bauch beförderte er s mit einer Reihe brutaler Schlucke, mampf, mampf. Die Mannschaft spendete wilden Beifall. Vier oder fünfmal konvulsivisch gewürgt, und nur noch die Hinterfüße sahen heraus, gnädigerweise regungslos.

Der Atem der Welt, S. 196-197

Der Atem der Welt ist ein herrlich-schön geschriebenes und intensives Buch mit einem bittersüßen Ende. Obwohl es nahezu alle Elemente einer klassischen Abenteuergeschichte aufweist, ist es kein typischer Abenteuerroman mit einem Hollywood-Happy-End. Dafür dürften die beschriebenen Ereignisse historisch ziemlich korrekt sein, zumal die Autorin am Ende des Buches verrät, dass die Geschichte mit dem entlaufenen Tiger, der einen Achtjährigen ins Maul nimmt, tatsächlich passiert ist.

Ich kann Der Atem der Welt jedem empfehlen, der gerne Abenteuerromane mit literarischem Anspruch liest oder wer ein Faible für das viktorianische Zeitalter hat.

Weitere Infos zum Buch mitsamt Leseprobe und der Möglichkeit, es zu bestellen, findest du direkt hier bei Suhrkamp.

Ähnliche Beiträge

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.